12. September 2020: Tastenfestival Zürich
Rezital auf dem Clavemusicum Omnitonum und Cimbalo Cromatico von Johannes Keller beim Tastenfestival Zürich, am 12. September 2020.
Programm »Warum nur 12?«
- Michelangelo Rossi (1601/1602-1656), »Toccata prima« aus Toccate e Corenti d'intavolatura d'organo e cimbalo, Rom 1657
- Michelangelo Rossi (1601/1602-1656), »Alma afflitta«, Madrigal-Intavolierung
- Tarquinio Merula (ca. 1594-1665), »Un cromatico overo Capricio primo tuono per li semituoni«
- Michelangelo Rossi (1601/1602-1656), »Toccata settima« aus Toccate e Corenti d'intavolatura d'organo e cimbalo, Rom 1657
- Ascanio Mayone (ca. 1565-1627), Beispielkompositionen im enharmonischen Genus, aus Fabio Colonna und Scipione Stella: La Sambuca Lincea, overo dell'istromento musico perfetto, Neapel 1618-1622
- Gioanpietro del Buono (vor 1641 bis um 1657), »Sonata V. Fuga Cromatica«, »Sonata VI.«, »Sonata VII. Stravagante, e per il cimbalo cromatico« aus Canoni, oblighi, et sonate in varie maniere sopra l'Ave Maris Stella, Palermo 1641
- Nicola Vicentino (1511-ca. 1576), Beispielkompositionen im enharmonischen Genus aus seinem Traktat L'antica musica ridotta alla prattica moderna, Rom 1555
- Giovanni Maria Trabaci (ca. 1575-1647), »Toccata Terza, & Ricercar Sopra il Cimbalo Cromatico« aus Il secondo libro de ricercate & altri varij capricci, Neapel 1615
Programmtext (Johannes Keller)
Einblicke in die Klangwelt der Musik, die mehr als 12 Töne pro Oktave benutzt.
Wozu mehr als 12 Töne pro Oktave? Vor dem Hintergrund des 16. und 17. Jahrhunderts ist es naheliegender die Frage umzudrehen: Warum nur 12? Dem Wunsch mit »natürlichen Intervallen« zu arbeiten begegnet man ab dem 16. Jahrhundert auf Schritt und Tritt. Eine direkte Folge davon ist die Existenz von zwei sehr unterschiedlich grossen Halbtönen. Für Tasteninstrumente bedeutet dies: jede schwarze Tasten kann nur genau eine »Alteration« zur Verfügung stellen, entweder ein Kreuz oder ein b, nicht beides gleichzeitig. Man kann wunderbar mit nur fünf Alterationen arbeiten, es entstanden die berückendsten Kompositionen mit dieser Einschränkung. Welche Möglichkeiten tun sich jedoch auf, wenn man annimmt, dass man alle Halbtöne überall zur Verfügung hat? Die Konsequenzen reichen weit und vereinen ganz unterschiedliche künstlerische, ästhetische, aufführungspraktische, instrumentenbauliche und spieltechnische Strömungen. Dieses Programm zeigt verschiedene Möglichkeiten mit einer Klaviatur mit 31 Tasten pro Oktave umzugehen. Die Musik öffnet die Ohren, überrascht und provoziert, da sie es nicht zulässt, in gewohnten Bahnen zu hören und auf gesicherten Pfaden zu denken. Es lässt eine schillernde Vielfalt und eine Experimentierlust durch die fahlen Vorhänge der Musikgeschichtsschreibung hindurchschimmern. Ob diese seltsame Musik heute Gefallen findet oder nicht -- sie kann durch ihre schiere Existenz inspirieren und aufrütteln.